Die Terrorattacken gegen die USA haben die ganze Welt erschüttert. Das Gefühl von Hilflosigkeit, das wir dabei alle erlebt haben, ist ein natürlicher und wichtiger Schritt im Prozess, diesen Schock zu verarbeiten. Unser Gefühl von emotionaler Sicherheit wurde mit diesem Anschlag aus dem Gleichgewicht geworfen. Dies führt dazu, dass wir uns von den altbekannten Gewohnheiten - Handlungen, Gedanken, Emotionen – leiten und auch verleiten lassen, um unsere kollektive und individuelle Gemütsruhe wiederherzustellen. Aber: Hier lauert die Gefahr, denn alte Verhaltungsmuster sind bei neuen Herausforderungen und Umständen meist unangebracht.

Aus meiner Erfahrung in der Arbeit mit Täterschaft habe ich oft erlebt, dass die Ursachen für Hass und Gewalt meistens tief in einem inneren Schmerz wurzeln, der dem jetzigen Täter einst selbst als Opfer von anderen Tätern zugefügt wurde. Wenn dieser Schmerz durch Verdrängung mit der Zeit immer tiefer wird und dann noch durch propagandistische, politische und/oder militant- -religiöse Glaubensgrundsätze geschürt wird, betrachten es die ehemaligen Opfer dann als selbstverständlich, Andere derbe verletzen zu dürfen. Doch entsteht durch die Anwendung von Gewalt im Täter eine innere, schockartige Dynamik: ein ekelhaftes Gefühl von Schuld und Selbst-Anwiderung.

Diese neuen, schmerzerfüllten, widerlichen Emotionen über sich selbst und seine Taten werden dann in der Regel innerlich unterdrückt und dann durch Rechthaberei und Selbstgerechtigkeit insofern ersetzt bzw. kompensiert, sich über politischen/religiösen Fanatismus in Gruppen geistig Gleichgesinnter zu verbrüdern, damit sie in sich nicht mit den qualvollen Emotionen in Kontakt kommen müssen, die sie jetzt Anderen durch ihre gewaltsamen Taten zugefügt haben. Sie brauchen andere Menschen, Gruppen oder Völker, Länder und/oder Kulturen als Feindbild. Sie glauben, dass wenn sie den „Feind“ geschwächt, besiegt oder sogar vernichtet haben, es ihnen wieder gut gehen würde und sie dann mit sich selbst in Frieden kämen. Ein Teufelskreis, der sich seit Jahrtausenden dreht und sich zum Markenzeichen des Fische-Zeitalters gemacht hat.

Der endlose Kreislauf von innerem Schmerz, der meistens unterdrückt und dem dann durch noch mehr Gewalt, Rache und hochnäsiger Selbstgerechtigkeit entgegengewirkt wird, baut in allen Tätern einen unbeschreiblichen emotionalen Kerker. Ich habe mit meinen eigenen Augen erlebt, wie sie zusammengebrochen, geradezu implodiert sind, wenn es keine Kompensation über weitere Täterschaft und/oder Rechthaberei mehr gab: überwältigt von ihrem eigenen Schmerz und dem Schmerz, den sie Anderen mit ihren gewaltsamen Taten zugefügt haben. Sie brechen meistens aus zwei Gründen zusammen: entweder sind die Täter einfach erschöpft, können die Rechthaberei und Kontrolle nicht mehr aufrecht erhalten und sehnen sich (unbewusst) nach einem Zusammenbruch; dann bedarf es nur noch eines „kleinen Handreichens“, damit sie aufbrechen in überwältigende Scham, was dann die Basis für ihre innere Heilung schafft. Oder aber: sie gehen in sich, hin zu ihrem ursprünglichen Schmerz (was ihnen einst angetan wurde). Von dort aus können sie sich dann mit ihren eigenen furchtbaren Taten und den damit einhergehenden Schmerz selbst konfrontieren. Dann kommt der Schritt, die Verantwortung für ihre Handlungen zu akzeptieren und zu übernehmen, was nur Hand in Hand mit Vergebung und (Selbst-)Liebe verarbeitet werden kann. Ein sehr harter und schwieriger Prozess!

Sollten die Täter jedoch durch Drogen- und Alkoholmissbrauch, oder andere Betäubungsmittel diesen Prozess vermeiden, werden sie diese Verhaltungsmuster von Schmerz und Schuld einfach energetisch in die künftigen Generationen weitergeben, d.h. ihre Kinder! So wie es in der Bibel geschrieben steht: die Sünden der Väter! Das systemische Stellen, durch Bert Hellinger weltbekannt, das ich in meiner Arbeit Konstellations-Arbeit nenne, arbeit genau mit solchen energetischen Identifikationen bzw. Verstrickungen, die jüngere Generationen eventuell für ältere Generationen des Familiensystems tragen.

Ich selbst, als Deutscher, war immer von der Fähigkeit der Holocaustüberlebenden und ihrer Familien tief beeindruckt, wirklich vergeben und im Frieden leben zu können. Ich sehe aber auch den Schmerz und das Leid der Deutschen – der Generationen, die nach dem Ende des Dritten Reichs geboren wurden und wie diese oft noch die emotionale Last und Schuld ihrer Eltern oder Großeltern tragen, nur weil diese nicht emotional schauen wollen, was sie damals zugelassen und/oder getan hatten.

Und jetzt schreien die USA, die noch nie - außer Pearl Harbor – auf eigenem Grund und Boden von fremden Mächten angegriffen wurde, nach Vergeltung! Es ist zwar ein natürlicher und menschlicher Instinkt bzw. Reflex, aber ist das wirklich unsere* Aufgabe? Handeln wir aus Angst und Furcht, oder aus Liebe und Mitgefühl, aus Frieden und Weisheit? Steht der Spruch „In God We Trust“ („In Gott vertrauen wir”) nur auf den Dollarscheinen, oder tragen wir ihn wirklich in unseren Seelen und Herzen?



Ulrich Böld, Oakland, CA 19. Sept.200

Die Herausforderung

Verfasst September 2001 - aus dem Englischen von Tyrone P. Rontganger